Zur Geschichte der Orangerie Schönbrunn
Schloss Schönbrunn war im 17. Jahrhundert ein Lustschloss ohne Orangeriegebäude: Kaiser Karl VI. hatte wenig Interesse an Schönbrunn, aber die Kaiserinwitwe Wilhelmine-Amalie, Gemahlin Josephs I., legte mit ihren Gärtnern eine erwähnenswerte Orangensammlung an.
Ein Bilddokument aus der Graphischen Sammlung Albertina stellt die einzigartige Struktur dieses Gartens dar: In achtfacher Anordnung stehen 344 Orangenpflanzen um einen Brunnen, wobei die Zahl acht schon in der Antike als geheimnisvolle, esoterische Zahl galt.
Ein Werk des Barockklassizismus
Zwischen 1754-1755 entstand das heutige Schönbrunner Orangeriegebäude. Für die Planung war vermutlich der Architekt Jean Nicolas Jadot verantwortlich, die Ausführung oblag jedoch dem Hofarchitekten Nikolaus Pacassi, da Jadot Wien schon 1753 verließ.
Nach der Fertigstellung des Gebäudes entstand um 1760 der Orangeriegarten. Das Bauwerk mit seinen 189 Metern Länge - mehr als das Schloss - und 10 Metern Breite ist nach Versailles das größte Orangeriegebäude der Welt.
Dem Saalbau der Orangerie schließt sich im Osten das Cedrathaus an, in dem besonders empfindliche Zitrusfrüchte untergebracht wurden. Die als Masken gestalteten Kapitele an der Gartenfassade sind die einzigen figuralen Skulpturen der Orangerie zu Schönbrunn. Sie zeigen mit ihren grotesken Zügen Ungeheuer, Harmlose, Lächler, Ironiker, Gaukler, Feuerschlucker, Schreier. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Eine weitere Besonderheit der Orangerie Schönbrunn ist die seit 250 Jahren funktionierende Fußbodenheizung - die dunklen Platten am Saalboden - die den Pflanzen während der Überwinterung gIeichmäBige Temperaturen sichert.
Ort der Künste und der Feste
In der Zeit Kaiser Joseph II. wurden im Winter, als die Orangerie wie heute mit Kübelpflanzen gefüllt war, Festtafeln arrangiert. Der Kaiser hatte solche Feste auf seiner Russlandreise im St. Petersburger Wintergarten erlebt. Am 6. Februar 1785 gab Kaiser Joseph II. eine Festtafel für 56 durch das Los ausgewählte Aristokraten. Die Teilnehmer erinnerten sich: „Die Blumen aller Jahreszeiten dufteten hier im strengsten Winter auf einer prächtigen Tafel, ringsum standen Pomeranzen- und Zitronenbäume in schönster Beleuchtung und nach der Tafel war Schauspiel und Ball in diesem blühenden Wintersaale“.
Es wurden Szenen aus Lessings Emilia Galotti und das Lustspiel Der seltene Freier sowie die italienische Oper „II finto amore“ gespielt. Bei einem ähnlichen Fest, ein Jahr später am 7. Februar 1786, wurden die Oper „Der Schauspieldirektor“ mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieris Oper „Prima la musica, poi le parole“ uraufgeführt. Mozart und Salieri lieferten sich mit den von Joseph II. bestellten Stücken einen musikalischen Wettstreit.
Wechselndes Schicksal
Auch während der Zeit des Wiener Kongresses wurden hier einige Galadiners veranstaltet. Am 11. Oktober 1814 speisten fürstliche Gäste an zwei Tafeln zu 62 Gedecken, die höchscen Herrschaften hatten ihren Platz unter dem Blattfächer einer großen Palme. Gebäude und Garten wurden mit 28.000 Lampen beleuchtet. Interessant ist, dass damals nach aufgehobener Tafel die Orangerie dem Publikum zur Schau geöffnet wurde.
Die letzte bedeutsame kaiserliche Veranstaltung in der Orangerie Schönbrunn fand 1839 statt, als die kaiserliche Familie eine Festtafel für den russischen Thronfolger gab.
Ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt die symbolische Bedeutung einer Orangerie nicht mehr die selbe Rolle wie im 18. Jahrhundert. In dieser Zeit diente das Gebäude nur mehr zur Überwinterung der Dekorationspflanzen des Schlosses. Im Spätherbst 1848 bezogen kaiserliche Truppen in Schönbrunn Qartier und die Orangerie wurde sogar zum Stall für Kriegspferde.
Im Sommer 1905 fand in der Orangerie die Austellung des Ersten Botanischen Kongresse statt. Das Ensemble präsentierte sich der Welt nochmals ais strahlender Mittelpunkt. Über 13.000 Besucher bewunderten die vielen Exponate und vor allem die gegen das Licht der Orangeriefenster gestellten Diapositive: Damals eine Weltneuheit.

Untergang und neues Leben
Schon vor der Weltausstellung wurde die Orangerie zur Obst- und Gemüseanlage umfunktioniert. Diese Nutzung prägte das Gebäude in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach dem 2. Weltkrieg erfuhr die Orangerie Schönbrunn eine weitere Widmungsänderung: Die Renaissancebrunnen wurden abgetragen und deponiert, die Gartenwege mit Beton angelegt; Gewächshäuser und Mistbeete wurden vor dem Gebäude errichtet, selbst der Saal wurde im Inneren verkürzt, um die Unterbringung eines Heizhauses zu ermöglichen. Erst 1985 begann die Revitalisierung der Orangerie. Im Rahmen der Sanierung wurde groBer Wert auf die Erhaltung der Substanz des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes gelegt.
Die durch eine Glaswand erfolgte Trennung der Orangerie soll es auch weiterhin ermöglichen, das Gebäude in seiner gesamten Länge zu erleben. Der längere Teil an der Schlossseite dient heute weiterhin als Pflanzenhaus, während der Teil an der Seite des Meidlinger Tors zu einem Kultur- und Veranstaltungszentrum neu konzipiert wurde.
